Renatus  Deckert ______________

 

Das Japanische Palais

In Heft 5/2021 der Zeitschrift »Sinn und Form« ist das erste Kapitel meines noch unveröffentlichten Romans »Das Japanische Palais« zu lesen. Es erzählt von der Dresdner Schreckensnacht des 13. Februar 1945.

 

Sie sah die Pferde, aber sie hörte sie nicht. Obwohl sie nur ein paar Armlängen entfernt vorbeipreschten, wurde ihr Hufschlag verschluckt von dem dröhnenden Sturm und dem Prasseln des Feuers, in das sich immer wieder die Donnerschläge von Explosionen mischten.

So kam es, daß ihr die Pferde im Rückblick vorkamen wie eine geisterhafte Erscheinung.

 

 

 

Der Stoff ihres Lebens

Am 9. August 2022 erzähle ich in der »Berliner Zeitung« von der Flucht eines vierjährigen Mädchens im Januar 1945 aus Königsberg.

Auf der nächtlichen Fahrt in einem Minensuchboot über die Ostsee begegnete sie Schiffbrüchigen der »Wilhelm Gustloff«. 

 

Es ist nur ein unscheinbares Stück Stoff. Eine ungeübte Hand hat kleine Blumen darauf gestickt, mit blauen, gelben und rosa Blütenblättern. Grüne Ranken, von der Zeit verblaßt. Dazwischen Weiß, viel Weiß. Wie der Schnee in der Nacht, als die Flucht begann.

 

  

Lesung in Berlin

Am 10. Mai 2022 moderiere ich im Literarischen Colloquium Berlin eine Lesung von Ingo Schulze, der im vergangenen Jahr mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet wurde.

Gemeinsam nehmen wir sein literarisches Werk in den Blick: beginnend mit Ingo Schulzes Debüt »33 Augenblicke des Glücks« bis zu seinem jüngsten Essayband.

 

 

Russisches Dresden

In der »Süddeutschen Zeitung« vom 29. April 2022 erzähle ich vom Dresden meiner Kindheit, wo die Erinnerung an den Krieg stets präsent war. In jener Zeit war es auch die Stadt von Wladimir Putin.

 

In diesem Moment drehte sich der Mann um. Sein Gesicht habe ich vergessen, aber nicht den Blick, den er uns zuwarf: eher wütend als erschrocken, doch vor allem finster. Finster und kalt.

Und was, wenn er es war? Ich schiebe den Gedanken beiseite, schüttele den Kopf über mich selber. Hirngespinste. Aber die Frage verfolgt mich bis in den Schlaf.
 

 

 

Heimweh nach dem Tod

In der »Süddeutschen Zeitung« vom 9. April 2022 schreibe ich über das Arbeitstagebuch zum »Roman eines Schicksallosen« von Imre Kertész, das unter dem Titel »Heimweh nach dem Tod« aus dem Nachlaß herausgegeben wurde.

 

Sich an das, was gewesen ist, zu erinnern, ist Sache des Zeitzeugen. Doch um Literatur zu sein, bedarf der Rohstoff des Lebens der Verwandlung.

 

 

Zu Fuß in die Vergangenheit

Im »Tagesspiegel« vom 23. März 2022 steht meine Besprechung von Christiane Hoffmanns Buch »Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters«.

 

Unter einem grauen Winterhimmel geht eine Frau auf einer Landstraße. Sie stemmt sich gegen den Wind und weicht den vorbeifahrenden Autos aus.

Sie ist erschöpft, die Nacht bricht herein, aber sie geht immer weiter. Als müsse sie gegen etwas angehen. Als wäre sie auf der Flucht.

 

 

 

 

Erinnerung an Auschwitz

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch sowjetische Soldaten befreit. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust lese ich im Museum Lüneburg Auszüge aus Primo Levis Bericht »Ist das ein Mensch?«.

 

Einladung, Primo Levi zu lesen

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2022 schreibe ich in den »Dresdner Neuesten Nachrichten« über Primo Levi und seinen autobiographischen Bericht »Ist das ein Mensch?«.

 

Unvorstellbar: Daß von den 650 Menschen, die in jenem Güterzug wie Vieh zusammengepfercht waren, kurz nach der Ankunft 526 vergast wurden. Frauen, Alte und Kinder. Und daß selbst von denen, die diese erste Selektion überstanden, nur wenige überlebten.

Wer wissen will, was den Juden in der Nazizeit von Deutschen angetan wurde, der lese Primo Levi.

 

 

Die Hand kommt als letztes zurück

In der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 8. Dezember 2021 steht meine Besprechung von Gabriele von Arnims bewegendem Buch »Das Leben ist ein vorübergehender Zustand«.
 

Es ist nur ein kleiner, unscheinbarer Satz. Für die einen ist er ein Rätsel, die anderen wissen sofort, worum es geht. »Die Hand kommt als letztes zurück.«

Was für ein Triumph, wenn die Hand es schafft, nach der Tasse zu greifen! Was für eine elendige Enttäuschung, die Tasse halten, aber nicht wieder loslassen zu können.

 

 

 

Eine Erinnerung

Am 18. Oktober 2021 erzähle ich in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« von einer Begegnung an der Gedenkstätte Gleis 17 am Berliner Bahnhof Grunewald.

 

An diesem Sommertag war es so still, daß ich die Vögel in den Bäumen hörte. Wo sich damals Frauen, Männer und Kinder gedrängt hatten, bewegten sich nur die Schatten der Wolken.

Als ich mich umdrehte, sah ich einen alten Mann: den Blick zu Boden gerichtet, als würde er etwas suchen. Obwohl die Sonne schien, trug er einen Mantel.

 

 

Dem Giftgas entgehen

Achtzig Jahre nach der ersten Deportation von Berliner Juden erzähle ich am 18. Oktober 2021 in der »Welt« von Sebastian Haffner und seiner Liebe zu Erika Schmidt-Landry in den Jahren der Verfolgung.

Ich erzähle von den Robben im Berliner Zoo und von der Deutschen Reichsbahn, die 1945 kein Tierfutter mehr transportierte, wohl aber Juden.

 

Den Zoologischen Garten durften Juden noch betreten – anders als das Strandbad Wannsee, an dessen Eingang ein Verbotsschild stand. Anders auch als die meisten Seebäder der Ostsee, die damit warben, »judenfrei« zu sein.


 

 

Wolken und Wege

In der Zeitschrift »die horen« erschien im September 2021 die Erzählung »Wolken und Wege«. Sie ist Teil eines Zyklus' von Geschichten über die Bewohner eines Dorfes im Mühlviertel in Oberösterreich.


Er sah die Straße nicht mehr. Nicht die Häuser am Wegrand, die Felder, den Wald. Immerzu stand ihm ihr Gesicht vor Augen; ihr entsetzter Blick, die Hände, die sie auf den Leib preßte. Immer wieder hörte er den Schrei.

 

  

Junger Löwe

Am 6. August 2021 stand in der »Berliner Zeitung« die Geschichte »Junger Löwe«, in der ich von der Flucht meines Onkels Eberhard Hüttig aus der DDR erzähle.

 

Damals lag alles noch vor ihm. Der Himmel war blau, von keiner Wolke getrübt, so wie die Zukunft, die jetzt begann, in diesem Augenblick.

Kein Gedanke an Mauer und Stacheldraht, an Todesangst und schwarze Wälder, aus denen es kein Entrinnen gibt.

 

 

Schwarze Katze, weißer Kater

Rotraut Susanne Berner hat ein ganzes Buch voller Katzen gestaltet, das im August 2021 im Insel Verlag erschienen ist.

Neben Geschichten und Gedichten von Italo Calvino, Hans Magnus Enzensberger, Robert Gernhardt, Lars Gustafsson, Christoph Hein, Zbigniew Herbert, Franz Kafka, Erich Kästner, Sarah Kirsch, Joachim Ringelnatz und Wisława Szymborska enthält es auch meine Erzählung »Muschel« über die Katze von Eva und Victor Klemperer.

 

Da war mir, als hätte sich hinter einem Fenster im ersten Stock etwas bewegt. Kein Mensch, aber vielleicht ein Tier. Eine ... Katze?

In diesem Moment durchfuhr es mich. Muschel!

 

  

 

Gespräch mit Ingo Schulze

Im Mai 2021 führte ich ein Gespräch mit Ingo Schulze über sein Schreiben: von seinem Erstling »33 Augenblicke des Glücks« bis zu seinem jüngsten Roman »Die rechtschaffenen Mörder«.

 

Victor Klemperer in Dresden

In der Pfingstausgabe vom 22. Mai 2021 erschien im Feuilleton der »Sächsischen Zeitung« ein ausführliches Porträt von Victor Klemperer.

 

Wie es weitergeht, kann man im Tagebuch nachlesen: einem Dokument des Grauens, das einen den Kopf schütteln läßt, wann immer die Rede ist von der unschuldigen Kunststadt.

Der Terror gegen die Juden, man kann es nicht oft genug sagen, geschah »mitten im kultivierten Dresden«.

 

 

 

 

Muschel

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2021 erschien im Feuilleton der »Berliner Zeitung« die Erzählung »Muschel«. Eine Spurensuche in Dresden mit dem Tagebuch von Victor Klemperer.


Dem Haus in Strehlen sah man nicht an, was darin geschah. Klein und unscheinbar stand es an der Straße. Idyllisch fast.

Ich stand davor und schaute. Prägte mir jedes Detail ein. Die Haustür, die Fensterläden, den grünen Zaun.

Ich fragte mich: Wie schläft es sich in diesen Mauern?

  

  

  

Alle meine Toten

In Heft 1/2021 von »Sinn und Form« erzähle ich von schweren Geburten und Todesanzeigen, von klappernden Schreibmaschinen und Begegnungen mit Wilhelm Genazino, Oskar Pastior und Peter Rühmkorf.
 

Die Erinnerung an einen Sommertag: Der Blick aus dem Fenster geht auf eine Kastanie in einem Berliner Hinterhof, und aus dem Telefonhörer kommt die Stimme von Peter Rühmkorf.

»Aber nein, ich habe Sie nicht vergessen ... Bitte noch um einen Schluck Geduld!«

 

 

 

 

Die Bienen und der Krieg

Am 4. Oktober 2020 stand in der Wiener Tageszeitung »Der Standard« die Erzählung »Die Bienen und der Krieg«.

 

Eines Morgens sagt sein Vater zu ihm: »Kümmere du dich um die Bienen!«

Zwischen den Sachen seines Bruders findet er ein Buch: »Illustriertes Lehrbuch der Bienenzucht«. Er nimmt es an sich und liest jeden Tag darin.

Als er es ausgelesen hat, schreibt er mit grüner Tinte hinein: »Eigenthümer: Aufreiter Karl, Imker«.

 

  

 

Eisenregale, vom Feuer verformt

In der »Süddeutschen Zeitung« vom 12. Februar 2020 erzähle ich von meinem Großvater, dem Dresdner Bibliothekar Helmut Deckert.

In der Zeit des Nationalsozialismus arbeitete er im Japanischen Palais, dem langjährigen Domizil der Sächsischen Landesbibliothek, das 1945 in Flammen aufging.

 

Die Regale, die sich allmählich mit Büchern füllten, waren die im Feuer verformten Eisengestelle aus dem Japanischen Palais, die man wieder geradegebogen hatte.

  

 

 

Wie mich die Liebe traf

»Und Gott war ein Buchhändler« heißt eine kleine Erzählung, die im Oktober 2018 im Weissbooks Verlag erschien.

In der Geschichtensammlung »Zwischen den Büchern« erzählen dreizehn Autorinnen und Autoren, »wie mich die Liebe in der Buchhandlung traf«.

 

Noch am selben Abend klingelte bei mir das Telefon. Als ich abnahm, hörte ich ihre Stimme, und wieder wagte ich kaum zu atmen.

Seither weiß ich, daß Gott manchmal ein Buchhändler ist.